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„Lurl“: Ein Fenster zur Stadtgeschichte
Auf Initiative des Friedberger Heimatvereins macht der Bildhauer Wolfgang Auer den vergessenen Ort an der ehemaligen Stadtmauer sichtbar. Seine Skulptur atmet den Geist Friedbergs.
06.05.2025
Zum 150. Geburtstag des Friedberger Bahnhofs wird Geschichte nicht nur gefeiert – sie wird erlebbar gemacht. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite zum Mahnmal für Kriegsopfer, auf der östlichen Seite der Bahnhofstraße also, soll auf Initiative des Heimatvereins ein besonderes Kunstobjekt entstehen. Nicht laut, nicht aufdringlich, aber voller Symbolkraft. Der sogenannte „Lurl“ wird dort stehen, wo einst ein kleines, fast vergessenes Türchen in der südlichen Stadtmauer den Blick in eine andere Welt ermöglichte.
Gestemmt hat das Projekt der Friedberger Heimatverein, der neben vielen anderen Hinweisen auf historische Begebenheiten ein Zeichen setzen möchte – für Erinnerung, für Geschichte, für das, wasFriedberg ausmacht. „Diese Skulptur ist ein Einstieg in die Stadtgeschichte“, sagt Regine Nägele, Vorsitzende des Vereins, überzeugt.
Bereits im Jahr 2018 bei einem Stadtrundgang schlug der Heimatverein vor, eine Skulptur in Bronze zu errichten. „Lurl“ war früher die Bezeichnung für eine schubkarrenbreite Aussparung in der Stadtmauer, welche neben den offiziellen Toren der einzige Zutritt zur Innenstadt war und durch die „gelurt“ werden konnte, was draußen vorging. Es gab nämlich vier Öffnungen in der Stadtmauer: die beiden Durchgangstore (Münchner Tor und Augsburger Tor), das Schlosstor (für Fremde nicht passierbar) und der „Lurl“ in der südlichen Stadtmauer. Dieser ist heute kaum noch bekannt.
„Wir wollten diesen vergessenen Ort wieder sichtbar machen“, sagt Nägele. Und wer könnte das besser als Wolfgang Auer? Der Künstler hat nämlich bereits in Vilshofen mit seiner Installation „Zeitbogen“ bewiesen, wie eindrucksvoll sich Geschichte in Kunst übersetzen lässt – dort verwob er Salzhandel, Brauereiwesen und Fischerei in eine moderne Formensprache.
Doch der Weg zum „Lurl“ war nicht einfach. Eine von Auers ersten Ideen wurde überraschend als Entwurf verkauft – nicht jeder war begeistert. Doch der Heimatverein ließ sich nicht entmutigen. „Jetzt soll eine Version entstehen, die ein Hingucker und Aufwertung der Bahnhofstraße ist“, verrät Nägele. Und weiter: „Der ‚Lurl‘ soll sagen: Hier war mal ein Tor.“ Auer stellt mit seiner Skulptur den Ausschnitt der Stadtmauer bogenförmig dar. Durch ein geöffnetes „Türl“ steigt ein Mann in der Mode der Friedberger Zeit (1680-1790) ins Freie. Die Skulptur soll vor allem bei Stadtführungen Geschichte besser erlebbar machen. „Dieser Akt des Durchschreitens ist mehr als nur eine Bewegung; er steht für Aktion und Entschlossenheit“, sagt die Vorsitzende des Heimatvereins. Der Mann in der Skulptur sei kein passiver Abklatsch der Vergangenheit, sondern ein aktiver Teil des Lebens. Dieses Kunstobjekt sei nicht nur eine Erinnerung an das, was war, sondern auch eine Brücke zu dem, was noch kommen kann.
Knapp 57.000 Euro soll die Skulptur kosten, davon übernimmt die Stadt 19.000 Euro sowie kleinere Arbeiten durch den städtischen Betriebshof. Den Löwenteil stemmt der Heimatverein. Durch Spenden und Eigenmittel konnte schon jetzt eine beachtliche Summe zusammengetragen werden. Wegen einer zusätzlichen Finanzspritze, wird derzeit geprüft, ob eine Städtebauförderung in Anspruch genommen werden kann.
Der „Lurl“ ist, so die Vorsitzende des Heimatvereins, mehr als nur eine Skulptur. Er ist ein stiller Erzähler zwischen Geschichte und Zukunft. „Der Standort gegenüber dem Mahnmal für Kriegsopfer ist perfekt“, weiß Nägele. „Die Soldaten sind aus der Stadt über die Bahnhofstraße zum Bahnhof gezogen. An die Soldaten, die ihr Leben im Krieg lassen mussten, also nicht mehr in ihre Vaterstadt heimkehren konnten, wird durch das Kriegerdenkmal an sie gedacht. Mit dem „Lurl“ schließt sich hier ein emotionaler Kreis der Erinnerung.
Christine Hornischer, © Friedberger Allgemeine
Verlinkt zur Veranstaltung: Jahreshauptversammlung des Heimatvereins mit Wahlen (06.03.2025, 18:00 - 20:30 Uhr)